Legasthenie und Dyskalkulie:

Wenn Zahlen und Buchstaben nur ein Haufen Matsch sind

Mit zitternder Stimme und hochrotem Kopf versucht Max die ersten Worte des Satzes aus dem Schulbuch vorzulesen. Sein Herz rast, Schweißtropfen bilden sich auf der Stirn des 8-Jährigen. So geht es ihm immer – nicht nur, wenn er laut vor der Klasse lesen soll. Dabei ist Tim keineswegs ein schüchterner oder gar introvertierter Junge, auch sind seine Leistungen in anderen Fächern überzeugend gut. „Ich sehe und erkenne die Buchstaben, bekomme sie aber nicht flüssig zu Silben und Worten zusammen“, ärgert er sich. „Alles verhuscht in meinem Kopf und je mehr ich mich konzentriere, desto schlimmer wird es.“ Dass Tim keinen Spaß am Lesen hat, ist nachvollziehbar. Schlimmer für ihn ist jedoch, dass viele seiner Mitschüler ihn deswegen hänseln und auslachen: „Der ist halt langsam und versteht es einfach nicht; Lesen ist nicht sein Fach…“ sind dabei noch die harmlosesten Kommentare. Die hat der ansonsten aufgeweckte Junge schon tausend Mal gehört – sie nerven und verunsichern ihn, machen ihn traurig und wütend zugleich. Ein Teufelskreis…

Und die Lehrer? Sie sehen zwar, dass ihr Schüler Probleme hat und auch stark unter ihnen leidet. Trotzdem aber kommen sie ihm nicht wirklich entgegen: Für eine individuelle Betreuung oder gar Ursachenforschung ist schlicht keine Zeit. Dabei wäre so leicht Abhilfe zu schaffen, denn Tims Problem ist weder geringe Intelligenz noch mangelnder Fleiß beim Üben und Lernen: Er ist Legastheniker. Heute, nur wenige Monate später, ist Tim wie ausgewechselt. Seine Sprache ist flüssiger und auch die Buchstaben schwimmen ihm beim Lesen weitaus weniger weg. Ein Wunder? Nein, denn Tim hatte Glück und traf auf Sabine Dächert, eine Legasthenie-Trainerin. Sie absolvierte ein intensives Training mit ihm, beschäftigte sich geduldig mit ihm und gab ihm sein Selbstbewusstsein zurück.

Legasthenie und Dyskalkulie – was ist das eigentlich?

Es gibt verschiedene Theorien darüber, worin die Ursachen für Legasthenie und Dyskalkulie – das Adäquat im Bereich der Zahlen –eigentlich liegen. Fest steht jedoch: Beides ist weder eine Behinderung noch eine Krankheit, sondern lediglich eine besondere Sinneswahrnehmung, die bei mehr als 15% der Weltbevölkerung vorliegt und nichts mit geringer Intelligenz zu tun hat. Zu den Betroffenen gehören beispielsweise Berühmtheiten wie Albert Einstein, Alfred Hitchcock, Agatha Christie oder Tom Cruise. „Abhilfe ist durch eine ausgeklügelte Didaktik – eine besondere Unterrichtsform beim Erlernen des Schreibens, Lesens und/oder Rechnens – leicht zu schaffen, wenn die Diagnose korrekt und möglichst früh gestellt wird“, erklärt die Fachfrau Sabine Dächert. „Leider – und das ist ärgerlich – werden Legasthenie und Dyskalkulie bei zahllosen Kindern oftmals und noch immer von ihren Lehrern nicht als solche erkannt.“

Nicht heilbar, aber behandelbar!

Heilbar sind nur Krankheiten, doch das sind weder Legasthenie noch Dyskalkulie. Es gilt, die differenzierte Wahrnehmung der Kinder zu behandeln und ihre besondere Sicht auf die Dinge entsprechend umzulenken. So wie bei Moritz: Was Tim beim Lesen zu schaffen machte, plagte ihn beim Rechnen. Er konnte mit Zahlen einfach nichts anfangen, er empfand sie schlicht als „nicht greifbar“ und „einen einzigen Haufen Matsch“. Auch hier konnte Sabine Dächert helfen, indem sie die für Vincent abstrakten Zahlen zusammen mit ihm geknetet, gebacken oder mit Wolle gelegt, mit einer bestimmten Menge in Verbindung gebracht, und sie so in seinem Kopf plastisch gemacht hat. „Betroffene Kinder müssen die Zahlen oder auch Buchstaben spüren, sehen und anfassen können“, so Dächert. „Das ist Teil des Trainings.“ Und auch bei Vincent hat sie funktioniert. Hört sich ganz einfach an, doch in der Praxis hapert es weniger am Prinzip der Behandlung, eher die Diagnose, das Rezept und vielleicht auch die Kostenübernahme sind die Knackpunkte im System.

Gefragt sind auch die Eltern

Natürlich obliegt es in erster Linie den Lehrern als Pädagogen zu erkennen, dass ein Kind offensichtlich Probleme beim Lesen, Schreiben oder Rechnen hat, und entsprechend zu handeln. Aber auch die Eltern sind gefragt – falscher Stolz auf den Nachwuchs ist hier nicht angebracht. Sie sollten das Gespräch mit dem Klassenlehrer suchen, ihre Bedenken äußern und nicht – wie in der heutigen Zeit oft üblich – pauschal die komplette Erziehung und Ausbildung ihres Kindes in die Hände des Schulsystems legen. Möglicherweise handelt es sich auch nur um eine vorübergehende Beeinträchtigung, beispielsweise verursacht durch einen Schul- oder Lehrerwechsel oder private Probleme. Gemeinsam kann dann der Gang zum Schulpsychologen beschlossen werden. Doch Vorsicht: Ein solcher Schritt stärkt nicht unbedingt das Selbstbewusstsein eines Kindes. Erst wenn danach eine klare Diagnose feststeht, sollten weitere Maßnahmen, etwa der Einsatz eines geschulten Trainers, behutsam ins Auge gefasst werden. In diesem Dreier-Team bestehen dann beste Chancen, dass dem Kind mit Legasthenie oder Dyskalkulie geholfen werden kann und es wieder Spaß am Lernen hat.

Sind wir das unseren Kindern nicht schuldig?

„Gerade im Zuge der aktuell und kontrovers geführten Inklusions-Debatte darf das Thema ‚Legasthenie oder Dyskalkulie‘ nicht vernachlässigt werden“, findet Sabine Dächert. „Man schätzt, dass bis zu 15 Prozent aller Kinder welweit betroffen sind – die Dunkelziffer dürfte, mangels Diagnose, noch weitaus höher liegen. Oft werden sie einfach als ‚dumm‘ bezeichnet oder über Jahre von einem Therapeuten oder Psychologen zum anderen geschickt.“ Zweifelsohne: Rechnen, Lesen und Schreiben gehören auch heute im Zeitalter von Internet, Notebook und weltweiter Vernetzung zur „Bildungs-Grundausstattung“ von Kindern, um später einem Beruf nachgehen zu können. Wer hier Probleme hat, kann gar nicht früh genug Unterstützung erfahren. „Ein guter Lehrer stellt entsprechende Symptome bereits in der Vorschule fest“, so Dächert weiter. Kritisch sieht die Trainerin die Tatsache, dass die Kosten für entsprechende Kurse nicht von den (gesetzlichen) Krankenkassen übernommen werden. „Dabei geht es doch nicht nur um die Zukunft des einzelnen Kindes, sondern auch um die unserer Gesellschaft – jedes verlorene Kind ist eines zuviel.“ Prioritäten sollten anders gesetzt werden: Ein Blick in viele Kinderzimmer belegt einen immensen Überfluss von Dingen, die oft verzichtbar sind. „Ein Computerspiel weniger und stattdessen in die Bildung und Seele des Kindes zu investieren wäre sinnvoll“, meint Sabine Dächert. „Sind wir ihnen und uns selbst das nicht schuldig?“

 

Kontakt:

Buchstabensuppe & Zahlensalat, Sabine Dächert, Gruber Straße 2, 85551 Kirchheim bei München, Telefon: 089-2009-4333, Mail: [email protected], Internet: www.buchstabensuppe-zahlensalat.de